Unsere Wertvorstellungen sind unglaublich mächtig. Sie steuern unser gesamtes Verhalten aber sie können ebenso die Seele belasten. Nehmen wir unsere Vorstellung von Familie. Der Großteil träumt wohl von dem, was im Volksmund als „Kernfamilie“ bezeichnet wird. Eine heile kleine Familie, in der Friede, Freude, Eierkuchen herrscht. Wo Mama sich mit Leib uns Seele der Familie hingibt und der Papa mitzieht und spurtet. Die Kinder gelegentlich aus der Bude lockt, damit Mama ordentlich durchwischen kann. Wo am Wochenende die Großeltern zum Kaffee kommen oder die Sportveranstaltungen der Kids gemeinsam besucht werden.

Mir war bis zu dem Zeitpunkt, als ich plötzlich schwanger und alleine war nicht klar, wie sehr meine Vorstellung davon irgendwann einmal Familie zu haben, an die Vorstellung einer funktionierenden Partnerschaft gebunden war. Irgendwie war es selbstverständlich für mich, dass alles reibungslos laufen würde. Dass war meine Vorstellung, die ich mir selber aber nie bewusst gemacht habe. Vermutlich war mir das auch deshalb nicht bewusst, weil mein Sohn kein geplantes aber ein gewolltes Wunschkind war.

Mit solchen Werten steht man in der Situation plötzlich Alleinerziehende zu sein vor einem gewaltigen Problem: nämlich sich selbst. Fast überall, wo sich getrennt wird und kleine Kinder im Spiel sind – oder allgemein Kinder im Spiel sind – kommt es zu Sticheleien. „Wir sind Dir doch eh egal“, „Wie es den Kindern geht hat Dich doch noch nie interessiert“, „Wir gehen nicht gemeinsam da und dort hin, weil ich keine heile Familie zum Schein spielen werde“, „Die Kinder sollen nicht zu Dir“, etc. Was davon hat eigentlich wirklich mit den Kindern zu tun?

Richtig, wenn wir mal alle ehrlich sind so ziemlich gar nichts. Es geht auch nicht unbedingt um den Mehraufwand, den meist die Mutter durch diese Situation plötzlich hat und mit ihren Finanzen und Selbstmanagement vereinen muss, denn das ist mal mehr mal weniger leicht zu stemmen. Aber es geht um etwas ganz zentrales: gekränkten Stolz. „Warum hängst Du noch so an diesem Kerl?“ Mag eine Frage sein, die viele Neu-Alleinerziehende von ihren Freundinnen zu hören bekommen. Ja es sieht so aus, als liefe Mami dem Papi hinterher. Als wäre sie emotional so sehr an ihn gebunden, dass sie sich sogar nach so manchen Erniedrigungen noch auf Gespräche oder sogar mehr einlassen würde. Aber stimmt das?

Jaein. Es ist nicht die Person, vielmehr unsere Wertvorstellung, die unser Verhalten maßgeblich bestimmt. Wir hängen an der Vorstellung von „heiler“ Familie. Uns ist nicht bewusst, dass eine Familie bestehend aus Ein-Elternteil und Kind viel „heiler“ sein kann als eine nichtfunktionierende Dreikopf-Familie. Was wir in Wahrheit nicht ziehen lassen wollen ist unser Leitbild. Wir wollen das Leben, was die Gesellschaft uns von Geburt an anerziehen möchte – wir, gerade die Frauen unter uns – brauchen eine funktionierende Kernfamilie. Alles andere ist asi und entstammt der RTL II Scripted Reality – Bääähhhh.

Das Problem mit den eigenen Werten. Was es so schwer macht, die neue Situation zu akzeptieren und in etwas Positives umzuwandeln ist, dass unsere Vorstellung an den leiblichen Vater gebunden ist. Unsere Vorstellung sieht keinen neuen Partner als Papi-Ersatz vor. Wir sind wütend und zorning auf den Partner, der sich aus der Verantwortung nimmt, selbst, wenn er die Verantwortung für die Kinder weiterhin übernehmen will. Warum? Weil er unsere Wertvorstellung, die er angeblich einst geteilt hat, zunichte macht. Weil er unsere Lebensvorstellung zerstört.

Dahinter aber liegt so viel mehr. Denn wenn Du Deine eigenen Schubladen auf diese Art und Weise überhaupt erst einmal erkennst, dann ist das der Beginn eines neuen Lebens, dass viel mehr Raum fürs Reflektieren und Achtsamkeit lässt. Der Beginn eines viel bewussteren Lebens, dass keinen Halt mehr vor positiven Veränderungen macht, für die wir vorher gedanklich viel zu eingeschränkt waren.

Du darfst Deine alten Wertvorstellungen ruhig loslassen und neue, besser für die definieren, die viel mehr zu Dir und Deinen Kindern passen. Du bist auch nicht gescheitert oder brauchst dringend einen neuen Partner um irgendwelche nichtfunktionierenden Werte wiederherstellen zu wollen. Alles was Du brauchst ist Zeit. Zeit um auf Dich und Deine innere Stimme zu hören. Schenk Dir mehr Gehör und Räum Dir Zeit für die Veränderungen ein, die Du in Deinem Leben sehen willst.

Nichtfunktionierende Werte sind so lange ein Problem, bis Du sie loslassen und neue für Dich finden kannst.